Digitaler Minimalismus: Wie ich in fünf Tagen dem digitalen Chaos mehrerer Jahre entkommen bin


Ich lebe in einem Mobilheim. Kein Keller, keine vollgestopfte Garage, keine drei Wohnzimmerregale voller Dinge, die ich "irgendwann noch mal brauche". Weniger ist bei mir kein Lifestyle-Accessoire – es ist eine Entscheidung, eine Lebensphilosophie.

Was ich dabei lange übersehen hatte: Während mein physisches Leben zunehmend leichter wurde, wuchs mein digitaler Keller unbemerkt. Digitale Notizen voller halbfertiger Gedanken. Hunderte Dokumente ohne klare Struktur. Über 200 Bücher auf dem E-Reader und der Festplatte – ohne dass ich einen vernünftigen Überblick hatte, was ich schon gelesen hatte und was sich als nächstes in die Leseliste einreihen könnte.

Das hat mich wohl runtergezogen. Nicht dramatisch, aber konstant.

Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, das zu ändern – mit Unterstützung einer KI. Was in fünf Tagen passiert ist, hat mich selbst überrascht.

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Warum digitaler Minimalismus kein Widerspruch ist

Tiny Living bedeutet für mich: nur das behalten, was Funktion hat oder Freude macht. Kein "könnte man ja noch gebrauchen". Der gleiche Gedanke gilt digital – er ist nur schwieriger umzusetzen, weil Daten nichts wiegen und keinen Platz kosten, der sichtbar schmerzt.

Das Ergebnis: Digitaler Ballast häuft sich still an, bis er sich als diffuses Unbehagen zeigt. Ich suche ewig nach Dateien. Ich weiß nicht mehr, wo ich was notiert hatte. Aufgaben habe ich vor mir her geschoben, weil das Chaos im Weg stand und mich gelähmt hat.

KI hat mir geholfen, diesen Rückstau in kurzer Zeit aufzulösen – nicht durch Zauberei, sondern durch konsequentes, gemeinsames Abarbeiten.

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Was wir in fünf Tagen gemacht haben

Das Notizenwirrwarr aufgelöst – und ein zentrales Gedächtnis gebaut

Der erste Schritt war meine digitalen Gedankenfetzen zu sortieren. Dazu habe ich mich der Software Obsidian bedient.

Obsidian ist mein digitales Notizsystem – und inzwischen weit mehr als das. Es ist das zentrale Gedächtnis meines gesamten digitalen Setups. Alles landet dort: Notizen, Projektdokumentation, Buchübersichten, tägliche Logs, E-Mail-Entwürfe. Und es ist die Brücke zwischen zwei KI-Systemen, die ich parallel nutze: Claude (Cowork, auf dem MacBook) für längere, komplexere Aufgaben und OpenClaw auf dem Mac Mini für alles, was täglich automatisch im Hintergrund laufen soll.

Seit die Gedankenfetzen dort einsortiert sind, weiß ich zum ersten Mal seit Jahren wieder genau, wo welcher Gedanke liegt.

Der Mac Mini als lokaler KI-Assistent

Das klingt zunächst nach reiner Technik, ist aber einer der praktischsten Teile des Systems: Auf einem kleinen Mac Mini, der bei mir dauerhaft als zentraler Speicher läuft, habe ich OpenClaw eingerichtet – einen lokalen KI-Assistenten, der mit einem offenen lokalen Sprachmodell (Ollama) läuft und für komplexere Aufgaben auch Schnittstellen (API) zu KI-Modellen in der Cloud anzapft.

Dieser Assistent erstellt täglich automatisch Briefings für mich: eine Zusammenfassung meiner E-Mails, Neuigkeiten zu beruflichen Themen und eine wöchentliche Übersicht zu Tiny-House-Themen. Alles landet direkt im Obsidian-Vault – aufbereitet, verlinkt, abrufbar. Was früher aktiver Aufwand war ("ich müsste mich eigentlich mal über X informieren"), passiert jetzt einfach und automatisch. Eine Zusammenfassung der Aktvititäten landet als Push-Nachricht auf meinem Smartphone.

Die IT-Infrastruktur auf Papier gebracht

Ich nutze ein MacBook Air, einen Mac Mini, einen Raspberry Pi, einen PocketBook-Reader, Jottacloud als Cloud-Speicher und eine Powerstation als USV für meine dauerhaft laufende Infrastruktur. Das klingt nach viel – ist aber in Wahrheit ein kompaktes, gut durchdachtes System. Ich hatte es nie aufgeschrieben. Mittles der KI habe ich eine vollständige IT-Übersicht erstellt: Komponenten, Abhängigkeiten, Bewertung, offene Baustellen. Das Ergebnis war beruhigend: Die Infrastruktur ist besser aufgestellt als gedacht.

Automatische Backups eingerichtet

Vorher: Backup war das Ding, das ich "eigentlich" schon längst ordentlich hätte einrichten sollen (als ITler hat man zwar seine Erfahrungen, aber die Schuster haben ja bekanntlich die schlechtesten Leisten). Nachher: Der Obsidian-Vault wird täglich automatisch in der Cloud gesichert, mit 90 Versionen Verlauf. Die OpenClaw-Konfiguration auf dem Mac Mini wird wöchentlich gesichert. Das läuft jetzt im Hintergrund, ohne dass ich dran denken muss. Dokumente und Fotos werden über verschiedene Endgeräte in der Jottacloud gesichert.

Die Bibliothek aus dem Chaos gerettet

Das war das Projekt, das mich am meisten überrascht hat. Ich wusste, dass ich viele Bücher habe. Wie viele – keine Ahnung, denn das Thema e-Reading begleitet mich schon seit mehr als 15 Jahren. Über verschiedene Reader-Generationen und Plattformen hinweg habe ich schlicht den Überblick verloren. Die KI hat mit mir gemeinsam direkt auf die SQLite-Datenbank meines PocketBook-Readers zugegriffen und ausgelesen: 253 Bücher auf dem Gerät, davon 165 ungelesen, 55 angefangen, 33 fertig. Dazu 150 Lesemarkierungen.

Danach haben wir die Listen zerlegt, Kurzbeschreibungen zu jedem Buchtitel hinzugefügt, nach Lesestatus sortiert. Das I-Tüpfelchen war die Zusammenfassung in Form einer thematisch strukturierten Liste mit Leseempfehlung.

Ich weiß jetzt, was ich habe. Ich weiß, was ich als nächstes lesen will. Das fühlt sich tatsächlich besser an als gedacht.

895 Dokumente in Ordnung gebracht

In einem Ordner namens "Diverse Dokumente" hatte ich über Jahre alles gesammelt, was irgendwie wichtig klang: 895 Dateien, 40 verschiedene Dateitypen, keinerlei Struktur. Die KI hat zuerst analysiert, dann vorgeschlagen, dann – nach meiner Freigabe – alles einsortiert. 14 Kategorien, von Arbeit über Finanzen bis zu Reisen. Das Hauptverzeichnis enthält jetzt nur noch die 14 Ordner. Alles fein säuberlich einsortiert, wie in einem Zettelkasten.

Der E-Mail-Workflow automatisiert

Zum Abschluss haben wir einen Workflow eingerichtet, der mir täglich um 19 Uhr eine Zusammenfassung meiner E-Mails per Telegram schickt. Und: die KI kann jetzt direkt E-Mail-Entwürfe schreiben, die automatisch in meinem Postfach landen – bereit zum Senden. Aber erst, wenn ich drüber geschaut habe. Nichts passiert ohne meine Freigabe.

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Was es gebracht hat

Ich merke es körperlich. Das klingt übertrieben, aber digitales Chaos erzeugt eine Art Hintergrundspannung – ein leises "da müsste ich mal ran", das nie ganz weggeht. Wenn das wegfällt, ist der Kopf freier.

Was mich aber fast noch mehr beeindruckt: Wie viel in so kurzer Zeit möglich war. Nicht weil ich besonders produktiv war, sondern weil ein guter KI-Assistent viele der lästigen, kleinen Schritte übernimmt, die man alleine endlos vor sich herschiebt.

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Was das mit Tiny Living zu tun hat

Alles.

Das Prinzip ist dasselbe: Nur behalten, was Funktion hat oder Freude macht. Konsequent aussortieren, was nicht gebraucht wird. Systeme bauen, die im Hintergrund laufen und nicht ständig Aufmerksamkeit brauchen.

Das Mobilheim ist für mich kein Kompromiss – es ist eine bewusste Entscheidung für Klarheit. Mein digitales Leben sollte dasselbe sein.

Es ist jetzt ein gutes Stück näher dran.

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