Irgendwo zwischen Köln und Bonn. Meine Partnerin besuchte eine Schulung, das Hotelzimmer war erst am späten Nachmittag beziehbar. Eine Idee im Kopf – und keine Ausrede mehr.
Ich fand eine Bank unter einem Baum, Rapsfelder im Blick. Und am späten Nachmittag hatte ich die erste Version einer App entwickelt und auf dem iPhone in der Hand.
Kein Büro. Kein Team. Kein Schreibtisch.
Warum eine App? Ich lebe im Mobilheim, arbeite in der IT und nutze seit einigen Wochen Obsidian als zweites Gehirn. Und irgendwann merkte ich: Je intensiver ich KI nutze, desto schneller verzettele ich mich. Die KI hat das Chaos nicht gebracht. Sie hat es nur sichtbar gemacht. Offene TODOs in Daily Notes, in Projekten, in Bereichs-Notizen. Was gestern noch überschaubar war, wächst durch tägliche KI-Nutzung schnell zu einem Haufen, dem man ohne Überblick hinterherläuft.
Also haben wir eine App gebaut.
Was ich wirklich brauche
Kein vollwertiger Obsidian-Klon auf dem iPhone. Kein Sync, keine Cloud, kein Editor. Nur ein Fenster in mein zweites Gehirn, dem Obsidian Vault – und das möglichst simpel. Daher auch der Name: Vault App.
Was hinter diesem Fenster sichtbar sein sollte: Briefings lesen, Daily Notes überfliegen, aktive Projekte im Blick behalten. Und vom Handy schnell eine Idee oder ein Todo in die Inbox werfen, ohne Umweg. Mehr nicht.
Meine Notizen bleiben auf meiner Infrastruktur – kein Drittanbieter, keine Abhängigkeit. Bewusste Wahl, die ich immer wieder treffe.
Das klingt simpel. Und in der Umsetzung war es das auch – zumindest im Kern. Den Rest habe ich nicht kommen sehen.
Der Aufbau
Jetzt wird's kurz technisch: die Lösung läuft auf meinem Mac Mini zu Hause. Ein Node.js-Server liest und schreibt direkt im Obsidian Vault – also den echten Dateien, keine Spiegelung, kein Sync. Der Server ist als launchd-Job eingerichtet, läuft also automatisch mit dem System.
Der Zugriff von außen läuft über Tailscale. Kein offener Port, keine Subdomain, kein VPN-Gebastel. Tailscale macht den Mac Mini für mein iPhone erreichbar, als wären beide im selben Netz. Kein Login nötig – Tailscale übernimmt die Zugriffssicherung.
Das Frontend ist eine PWA – eine Progressive Web App. Ich habe sie einmal auf dem iPhone zum Home-Bildschirm hinzugefügt, und seitdem startet sie wie eine App, nicht wie eine Webseite.
Was die App kann
Die Schnelleingabe war der Startpunkt. Tippe ich auf das ➕-Symbol, wähle ich einen Typ – Blog-Idee, Todo, Einkauf, Gedanke – und die Notiz landet sofort als Markdown-Datei in der Inbox, mit richtigem Prefix, mit Datum. Kein Umweg.
Von da aus ist die App gewachsen. Heute kann ich Daily Notes lesen und bearbeiten, Projekte mit ihrem Status überblicken, in allen Notizen suchen – und Blog-Artikel direkt zu Blogger.com schicken. Das hatte ich nicht geplant – gehört aber mittlerweile zum Workflow.
Es gibt sogar eine TODO-Übersicht, die quer durch den gesamten Vault nach offenen Checkboxen sucht – aus Projekten, Bereichen, der Inbox, den letzten zwei Wochen Daily Notes. Alles auf einen Blick, direkt abhakbar. Das war der Auslöser für die ganze App.
Dann kamen Dinge, die erst recht nicht geplant waren. Ein Chat-Interface, das Nachrichten direkt an die KI-Instanz auf meinem Mac Mini schickt – die Konversation bleibt im eigenen Netz. Aus einer Notiz direkt einen Mail-Entwurf ablegen – ein Klick. Und der Veröffentlichungsworkflow für den Blog läuft heute komplett in der App: Artikel vorbereiten, prüfen, live schalten – mit echter Rückmeldung aus der App, nicht aus dem Browser.
Das war nicht der Plan. Der Plan war: Ideen auf dem Handy erfassen. Irgendwann hörte ich auf, Pläne zu machen.
Wer die App gebaut hat
Das ist die ehrliche Antwort: Claude.
Ich habe beschrieben, was ich brauche. Claude hat es gebaut, in Schritten, über mehrere Sessions. Ich habe geprüft, getestet, Feedback gegeben. Neue Ideen kamen dazu, Fehler wurden behoben, das Design hat sich entwickelt.
Ich könnte die App nicht alleine gebaut haben – zumindest nicht in der Zeit und mit dem Ergebnis. Nicht Magie. Hebelwirkung.
Systemintegration
Die App ist, technisch gesehen, over-engineered. Für das, was ich brauche, hätte eine einfachere Lösung gereicht. Aber das Bauen war der Punkt. Verstehen, was möglich ist. Sehen, wie weit man kommt, wenn man konkrete Anforderungen hat und ein gutes Werkzeug.
Und inzwischen nutze ich sie täglich. Morgens kurz die Daily Note geprüft. Unterwegs eine Idee eingeworfen. Abends nachgeschaut, was noch offen ist. Es funktioniert – weil es genau das tut, was ich brauche. Nicht mehr, nicht weniger.
Meine erste Ausbildung hieß: Fachinformatiker Systemintegration. 1999. Ich weiß nicht mehr genau, wann mir das wieder eingefallen ist – irgendwo zwischen launchd, Tailscale und der dritten Iteration des ➕-Buttons. Aber da war es: 26 Jahre später, und zum ersten Mal läuft bei mir echte Systemintegration. Nicht für einen Kunden. Für mich.
Das war der Plan. Manchmal klappt er.



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