Donnerstag, herrlichster Sonnenschein, ein Ordner weist mich auf meinen Platz ein. Ich stelle Knut ab, klappe den Kofferraum auf, und noch bevor der erste Hering im Boden steckt, rollt links von mir ein Paar aus Bregenz an. Rechts eins aus Pirmasens. Daneben Sandra, Bundeswehrsoldatin. Alle mit Kombi, Van oder Pick-Up. Und auf jedem Dach: ein Dachzelt.
Nur ich nicht. Ich stehe da mit Knut, meinem kleinen Wohnwagen, einem Bett auf Rädern. Einer der wenigen ohne Zelt auf dem Autodach.
Und genau das ist der Punkt: Es interessiert keinen. Ich bin trotzdem willkommen.
Nachbarn, die vorher keine waren
Hinter Knut baut Nadine auf, Mutter aus Kiel, mit ihrem Sohn – „mein Pubertier", sagt sie selbst – und Cleo, einer super süßen Hündin. Die Gespräche lassen nicht lange auf sich warten. Es geht um Ausrüstung, um Reiseziele. Nadine fährt nach dem Camp mit ihrem Sohn auf einen Roadtrip, Prag und Wien stehen auf dem Plan. Ich werde die Reise auf Instagram weiterverfolgen – so läuft das hier: Man lernt sich kennen und bleibt dran.
Um 19 Uhr versammelt sich alles zur ersten Ansprache der Organisatoren. Dabei entdecke ich den Food-Truck, Dr. Vegetary. Mega leckeres Zeugs, dem ich nicht widerstehen kann. Gut, dass ich meine Kühlbox prall gefüllt mitgebracht habe – und sie am Ende genauso voll wieder mit nach Hause nehme. Man plant, und dann kommt es anders. Damit kann ich gut leben.
Über 400 Menschen sind an diesem Wochenende hier. Das ist der Grund, warum ich diese Camps liebe: So viele Leute mit einer ähnlichen Idee vom Unterwegssein. Und alle auf einem wunderschönen Fleck Erde versammelt. In meinem Bereich haben sich vier Fahrzeuge zusammengefunden, und die Nachmittage und Abende gehören den Gesprächen.
Nachts um drei
In der ersten Nacht, so gegen drei, weckt ein tiefes Grollen das ganze Camp. Gewitter. Regen. Alle wach, alle horchen. Und dann: nichts passiert. Am Freitagnachmittag das Gleiche, nur mit etwas mehr Wind. Und da sehe ich, was dieses Camp ausmacht: Jeder hilft jedem, die Ausrüstung zu sichern. Keiner fragt, ob das seine Aufgabe ist. Man packt einfach mit an.
Nachdem alles gesichert ist, lassen Otto und ich es ruhig angehen. Wir schlafen beim Regen gemütlich aneinander gekuschelt – Wohnwagen hat eben doch was. Das brachte anschließend ein paar super liebe Kommentare ein. Und es führte dazu, dass wir uns am Abend in einer geselligen Runde zusammenfanden: Bregenz, Pirmasens, Sandra und ich. Wir erzählten uns die interessantesten Geschichten aus dem Leben.
Wir
Das Schöne an so einer Runde: Hier kommt jeder zu Wort. Und hier wird jeder so gelassen, wie er ist. Keiner muss sich beweisen, keiner muss der Lauteste sein. Man hört zu, man erzählt, man lacht.
Die Dachzeltnomaden haben ein Motto: „Das WIR zählt." Klingt erst mal nach Vereinsspruch. Nach diesem Abend hat es für mich eine noch tiefere Bedeutung bekommen. Es ist kein Slogan auf einem Pullover, es ist das, was da tatsächlich im Camp passiert. Sechs Menschen mit vier Reisefahrzeugen, die sich vor kurzem nicht kannten, und ein Gespräch, das trägt.
Samstag: exakt das Gleiche, und das meine ich im besten Sinne. Die Stunden verfliegen. Es wird gegessen, getrunken, gelacht. Ab und an eine entspannte Gassirunde mit dem Hund, mehr Programm braucht es nicht. Die Versorgung im Camp ist wie immer grandios – das Essen vegetarisch und richtig gut, und die Orga hat an alles gedacht. Sogar der Kaffeewagen zieht seinen Bio-Kaffee aus einer sächsischen Rösterei. Auf so einem Platz mitten in der Landschaft ist das kein Detail, das ist Haltung.
Otto
Ein Wort noch zu Otto. Er ist überall so gern gesehen und wurde so viel gekrault, dass er vermutlich das Wochenende seines Lebens hatte. Er beurteilt so ein Camp nicht nach dem Programm und nicht nach der Ausrüstung. Er beurteilt es nach der Anzahl der Hände, die ihn streicheln. Und da war die Bilanz eindeutig. Herrlich.
Zwischen all dem Trubel lag die Ruhe, die ich an diesen Orten suche. Morgens der Blick aus dem geöffneten Wohnwagen ins erwachende Camp. Abends der Himmel über den angrenzenden Feldern, rosa und orange. Und Otto im hohen Gras vor der untergehenden Sonne am See. Für diese Momente fahre ich los.
Zahlen austauschen
Samstagabend räumten die meisten schon mal zusammen – für die Nacht war wieder Regen angekündigt. Der kam auch, und so waren wir alle für die Abreise gut vorbereitet. Kein Chaos, kein nasses Gewusel am Morgen. Man lernt.
Am Sonntagmorgen dann das, was von einem guten Wochenende übrig bleibt: Wir haben Nummern ausgetauscht. Vermutlich sehen wir uns demnächst in kleiner Runde in Bregenz wieder. Das wäre was. Ich würde mich freuen.
Dann Knut angehängt, Otto auf die Rücksitzbank, und ab nach Hause. Ohne Dachzelt, mit einer vollen Kühlbox und einigen neuen Telefonnummern.
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