Zehn Jahre, zwei Namen, eine Leidenschaft

Es beginnt mit einem Faltrad

2012 habe ich mir eine Karte für ein Konzert in Wien organisiert. Bruce Springsteen im Ernst-Happel-Stadion. Dazu ein Ticket für die Deutsche Bahn. So möge der Spaß beginnen. Doch Moment mal. Wie bewege ich mich in Wien? Ich bin kein Freund davon, eine Stadt mit Bus oder Bahn zu erkunden. Ich würde gern das Fahrrad mitnehmen. Dumm nur, dass ich mir ein Ticket für den ICE geholt habe. Und im Jahr 2012 darf da noch kein Fahrrad mitreisen.

Beim örtlichen Radhändler lausche ich einem Beratungsgespräch. Es geht um eben jene Frage: wie kann ich möglichst entspannt ein Fahrrad im ICE mitnehmen? Ich bin also nicht der Einzige, der dieses Problem hat. Der Händler drückt mir einen Katalog von Tern in die Hand. Tern? Ein Faltradhersteller. Am nächsten Tag stehe ich wieder beim Händler und bin einige Momente später Besitzer eines vorrätigen Tern Link C7. Ein einfaches weißes Faltrad ohne Licht, ohne Gepäckträger. Einfach eine kleine Fahrmaschine. Zwölf Kilo, zusammengefaltet nicht größer als ein Koffer.

Zehn Jahre

Soweit meine digitalen Aufzeichnungen zurückreichen, geht der erste Beitrag hier am 11. Februar 2016 online. Das ist nun über zehn Jahre her - das Jubiläum liegt somit genau genommen schon ein halbes Jahr zurück. Aber Rückblicke kennen keine Termine.

Damals hieß dieser Blog noch anders. Die ersten Jahre lief unter faltradler.de. Damals passte das und es war das Hauptthema, was mich angetrieben hat. Im Jahr 2023 saß ich in einem Auszeit-Monat vor meinem Wohnwagen. Ich wollte einen Post bei Instagram unter dem Namen faltradler.de absetzen - doch das fühlt sich falsch und komisch an, denn seit geraumer Zeit war weit und breit weder ein Fahrrad noch ein Faltrad zu sehen. Und so wurde aus dem Faltradler das Kleine Gepäck.

Was ich damals nicht sehen konnte: ich habe lediglich mein Etikett gewechselt. Die Sache hinter dem Blog blieb sich treu. Auf meiner "Über mich"-Seite steht seit dem ersten Tag dieser Satz:
Geboren im Jahr 1980 im Norden der Republik. So ist es wohl zu erklären, dass es mich immer wieder ans Wasser zieht - unabhängig davon, ob es sich dabei um das offene Meer oder einen Fluss handelt.

Den habe ich hingeschrieben, ohne großartig nachzudenken. Zehn Jahre später stelle ich fest: der Blog macht seitdem nicht viel mehr, als diesen Satz zu belegen. Okay, die Fahrzeuge wechseln. Der Name auch. Die Richtung nicht. Und so ist es kein Zufall, dass ich diesen Text schreibe, während ich gerade mit dem Wohnwagen unterwegs an die Nordsee bin.

Das kleine Weiße

Aus dem Rad, was ich für den Wien-Trip gekauft habe, wurde ein Rad für alles. Es lag fortan im Kofferraum und war damit da, wo ich es brauchte. In der Stadt. Für kleine Touren. Für den Weg zur Arbeit.

Weil mir das Fahren mit dem Faltrad so gut gefiel, kaufte ich direkt im August 2012 ein zweites Faltrad - ein Motiv, was uns später bei den Wohnwagen erneut begegnen wird. Es war das Tern Link P24h. Ein Rad mit Vollausstattung, was laut Prospekt definitiv das bessere Rad ist: 24 Gänge, Licht, Gepäckträger. In der Realität war es von Anfang an Projekt und Fahrgerät. Nach drei Wochen wurde das komplette Rad getauscht, weil die Gänge in der Radnarbe hinten selbsttätig schalteten. Das Rad bekam von mir den Namen "die Diva". Ende 2013 habe ich es abgegeben. Inzwischen stehen über 12.000 Kilometer auf dem Tacho. Es ist ein Arbeitstier. Wenn auch nicht mehr bei mir.

Zwei Touren - ein Motiv

Im Oktober 2014 fuhr ich für eine Wochenend-Tour an die Unstrut. Von Mühlhausen nach Naumburg: drei Tage immer am Fluss entlang. Was von der Tour hängen geblieben ist sind nicht die Kilometer, sondern eine 72-jährige Wirtin, ein Kartoffelsalat, dessen letzten Löffel die Hilfskraft weggefuttert hat und ein Gitarrist namens Volker, der in einer halbleeren Kneipe die Bude zum Kochen brachte. Details stehen im Artikel von damals.

August 2015 - es ging von Regensburg nach Budapest. Über die Mitradelzentrale des ADFC hatte jemand einen Mitradler für eben jene Tour gesucht. Ich war bisher in keiner der Städte. Aus ein paar E-Mails wurden neun Etappen und etwas über 1.000 Kilometer. Gefahren mit dem kleinen Weißen. Ein größeres Faltrad, wie das Tern Eclipse S11i hatte ich zwar, wollte es aber nicht mit in den Zug nehmen, denn von Budapest ging es mit dem Zug zurück. Also musste das Rad wieder ran, mit dem alles begann. Zwölf Kilo, sieben Gänge und tausend Kilometer die Donau runter.

Am letzten Tag der Tour stand ich nach einer Woche purer Landschaft plötzlich auf einer achtspurigen Straße in Budapest. Meine Notiz von damals: "Ein Traum! ... Ich will jetzt nur noch ankommen." Abends saß ich in meinem Zelt zwischen deutschen Campern. Mitten in der Stadt und neben einem Krankenhaus. Vollkommen kaputt aber zufrieden und glücklich.

Ein halbes Jahr später habe ich aus dieser Tour den ersten Reisebeitrag dieses Blogs gemacht.

Geht es nur ums Falten?

Lange habe ich gedacht, es ginge beim Faltrad um Platz. Um Packmaß und um die Frage, ob es als Gepäck im ICE mitreisen darf.

Doch dann habe ich festgestellt, dass es um etwas anderes geht. Ein Rad, das man überall mit hinnehmen kann. So verschieben sich langsam aber sicher die Grenzen zwischen Auto und Fahrrad, zwischen Alltag und Reisen. Das Fahrzeug ist einfach immer da. Somit wird die große Reise dadurch nicht besser - die kleinen Alltagsauszeiten werden möglich.

Die Tiny House-Zeit

All das führte in letzter Konsequenz dazu, dass ich mich im Jahr 2018 vom Großteil meiner Habseligkeiten getrennt habe und ins Tiny House gezogen bin. Ich hätte das damals nicht zwangsläufig mit dem Faltrad in Verbindung gebracht. Heute tu ich es, denn ohne die intensiven Touren, auf denen so wenig wie möglich Gepäck dabei war, hätte ich vermutlich (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht erfahren, was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein. Dabei muss klein kein Verzicht und schon gar nicht auf Luxus sein. Die Tiny House Zeit hat mich gelehrt, wie ich ticke, was mich dauerhaft antreibt und vor allem, was auf kleinem Raum alles möglich ist: verschiedene Lebensmodi in einem Raum. Dazu die Möglichkeit, sich ein 7-Gänge-Menü von einem Kollegen zaubern zu lassen, der damit das neue Haus in meinem Leben eingeweiht hat. Der Beginn des Lebens im Tiny House? In der Pfalz, an einem Fluss. Gefolgt vom Umzug in die Nähe von Karlsruhe, an einen Fluss. Das Tiny House ging, das Mobilheim kam, der Fluss blieb.

Die Wohnwagen

In den letzten Jahren wurden aus den Falträdern Wohnwagen. Wieder einmal haben die Vehikel gewechselt. Die DNA bleibt. Zwei Fahrzeuge (Knut der Miniwohnwagen und Fiete der etwas größere Wohnwagen), die unterschiedlicher nicht sein können und dennoch das gleiche Bedürfnis befriedigen: reisen. Und zwar möglichst unkompliziert. Drum sind beide Fahrzeuge eher puristisch. Und was mach ich damit am liebsten? Irgendwo hin fahren, wo es Wasser gibt. Und wenn das nicht geht, dann nehmen wir halt einen Bauernhof oder einen Campingplatz in einer dieser unzähligen schönen Regionen dieses Landes. 

Und heute? Heute sitze ich vor dem Wohnwagen (Fiete). Genau an jenem Ort, an dem die Entscheidung im Jahr 2023 gefallen ist, den Blog von faltradler.de zu kleinesgepaeck.de umzubenennen. Einen besseren Zeitpunkt konnte ich mir für diesen Rückblick nicht einfallen lassen. Und weil ich immer wieder darüber nachdenke, warum ich so gerne mit meinen puristischen Wohnwagen unterwegs bin, habe ich mir mal angesehen, woher diese Art des Reisens überhaupt kommt und was wir heute daraus gemacht haben. Da das aber den Rahmen des Rückblicks sprengt, widme ich diesem Thema in Kürze einen eigenständigen Artikel.



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